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27. Februar 2025

08 Psychische Gesundheit

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8.2 Ernährungspsychologie

Gemeinsame Mahlzeiten ermöglichen Begegnung, das Gefühl von Gemeinschaft und das Gefühl von Zugehörigkeit. Es geht um die «Schaffung einer entspannten Atmosphäre: Am Esstisch soll gerne gelebt, gegessen und gearbeitet werden» (RADIX, 2018). Damit alle davon profitieren, gibt es einige dazugehörige Bräuche und Regeln. Diese kennenzulernen und angemessen zu verstehen, ist daher eine wichtige Lernaufgabe für Kinder.

Bereits nach dem Abstillen treten die Primärbedürfnisse wie Hunger und Sättigung in den Hintergrund und die sozialen Aspekte im Zusammenhang mit Essen und Mahlzeiten in den Vordergrund. Das Essverhalten des sozialen Umfelds gewinnt an Bedeutung. Schulen, Kindergärten, Betreuungssettings und soziale Einrichtungen sind auch hinsichtlich Ernährung ein wichtiger Lernort für Kinder. Die Betreuungspersonen können ihnen dort den Umgang mit Regeln und Empfehlungen zum Essverhalten adäquat vermitteln.

Wie können Kinder ein gutes Essverhalten erlernen und verstehen? Beispielsweise durch Neugier-Wecken, Anregung und selbstständiges Tun, durch Kochen, Essen oder auch durch den freudvollen Umgang mit Nahrungsmitteln. «Denn Lernen bedeutet weniger, alles zu wissen, als vielmehr sich maximal zu entwickeln» (Schiftan, 2017). Als Orientierungshilfe eignet sich die «Schweizer Ernährungsscheibe» sehr gut.

Die Vorbildrolle von Betreuungspersonen ist sehr wichtig, auch bei der Ernährung. So zum Beispiel für

  • den Umgang mit dem Essen:
    Betreuungspersonen wertschätzen das Essen, probieren von allem und schöpfen dem Hunger entsprechende Mengen.
  • die Mahlzeitenkultur:
    Betreuungspersonen leben die Essensregeln vor, unterhalten sich beim gemeinsamen Essen mit den Kindern und nicht nur untereinander.
  • unproblematisches genussvolles Essen:
    «Kalorien», «Fette», «Diäten» etc. sind keine Themen beim Essen.

Beim gemeinsamen Essen werden Werte und Haltungen vermittelt. Hier gilt: Alle gehen respektvoll und gleichberechtigt miteinander um. Dies unabhängig von sozialer, kultureller, religiöser, geografischer Herkunft, Geschlecht, Behinderung oder Körpergewicht.

Ein wichtiges Thema des ausgewogenen Ernährungsverhaltens bei Kindern ist die Körperzufriedenheit. Freunde und Freundinnen, Mitschüler:innen und andere Gleichaltrige beeinflussen das Körperbild von Kindern enorm. Sie können sich untereinander negative körperbezogene Verhaltensweisen abschauen oder sich gegenseitig aufgrund ihres Aussehens, Gewichts oder ihrer Körperform hänseln. Dadurch und durch die Medien kann das «Healthy Body Image» (gesunde Körperbild) der Kinder geschädigt werden. Auch die Medien wirken darauf negativ, wenn sie nur vermeintlich ideale Körperbilderzeigen und das eigene Körperbild des Kindes als unvollkommen erscheinen lassen.

Ein schlechtes Bild zum eigenen Körper und die Körperunzufriedenheit beeinflussen das Essverhalten negativ. Dabei spielen auch Betreuungspersonen eine wichtige Rolle. Essen darf weder als Belohnung oder Bestrafung eingesetzt werden noch als Trost oder Beschäftigung dienen.

Es gilt aber auch zu beachten: Die Entwicklung von Kindern durchläuft viele verschiedene Phasen, in denen sie beispielsweise auch mal gewisse Mahlzeiten ganz weglassen, eine Zeit lang nur ganz bestimmte Lebensmittel zu sich nehmen oder komplett verweigern. Das ist normal und löst sich oftmals wieder von alleine auf. Aufmerksam zu bleiben, ist ratsam, das Essverhalten der Kinder übermässig genau zu beobachten oder zu kontrollieren dagegen, ist zu vermeiden.

Was tun, wenn ein Verdacht auf eine Essstörung vorliegt?

Auffällige Verhaltensweisen, die es zu beobachten gilt:

  • Ständiges Hineinschlingen von Essen.
  • Kein Sättigungsgefühl haben und/oder Symptome einer möglichen Esssucht zeigen.
  • Viel an Essen denken (im Zentrum der Gedanken).
  • Essen als Ersatzmittel für seelische Bedürfnisse einsetzen.
  • Essen nutzen, um schwierige Lebenssituationen zu bewältigen.
  • Heimliches Essen und dies leugnen.
  • Nahrungsmittel stehlen.

Wichtig ist der Austausch mit anderen Betreuungspersonen über solche Beobachtungen, um eine klarere Einschätzung zu erhalten. Das Kind sollte aber nicht übermässig kontrolliert werden, denn dies fördert die Stigmatisierung und Pathologisierung. Ausserdem sollte Essverhalten nicht am Tisch während einer Mahlzeit besprochen werden. Das Essverhalten zu kommentieren, belastet die Beziehung und die Mahlzeitenkultur.

Wie mit Essstörungen umgehen?

  • Keine Kontrolle und keinen Druck auf betroffene Kinder ausüben.
  • Aufmerksam beobachten und sich im Team austauschen.
  • Beobachtungen den Eltern/Betreuungspersonen mitteilen; bei älteren Kindern die Beobachtungen zuerst mit dem Kind besprechen.
  • Bei Unsicherheit Kontakt mit einer Fachstelle oder Fachperson aufnehmen.
  • Eltern/Betreuungspersonen und Kinder auf Fachstellen aufmerksam machen.

Betreuungspersonen sind keine Therapeuten und Therapeutinnen. Essstörungen sollen daher von Fachpersonen behandelt werden und die Hauptverantwortung für eine adäquate Unterstützung der Kinder liegt bei den Eltern. Wenn diese dazu nicht in der Lage sind, besteht die Möglichkeit, sich in Absprache mit der Schulleitung/ den Lehrpersonen bei Fachstellen zu melden und das weitere Vorgehen gemeinsam zu besprechen.

Fachstellen:

Ein herzliches Dankeschön an Ronia Schiftan (MSc Psychologin FSP, Ernährungspsychologin ZEP) und Laura Chresta (BSc Psychologie), die mit ihrer grossen Fachkompetenz und ihrem Engagement einen wertvollen Beitrag zu dem vorliegenden Kapitel geleistet und das Kapitel 8.2 verfasst haben.